Christoph Delius

39. §

Dasjenige Gestein nun, welches in den Gängen, Klüften und Stockwerken entweder mit Erzen vermischt oder auch ohne Dasein der Erze allein vorhanden ist und welches sich in seinem Ansehen allgemein von dem Gestein des Gebirges selbst gänzlich und deutlich unterscheidet, wird die Gesteinsart eines Ganges oder kürzer, die Gangart genannt. Diese sind nun gewöhnlich Quarz, verschiedene Arten von Spat, Letten, Hornstein, Flüsse, eisenschüssige Bräune, Blende, Glimmer, Glauch und in manchen Ländern einige Kalk- und Gipsarten, wozu hier in Schemnitz der sog. Zinnopel kommt, welcher aus einer Kiesel- und Eisenerde besteht und eine Art von Jaspis ist. Unter allen diesen Gangarten sind der Spat und Quarz als die vorzüglichsten anzusehen. Die Erfahrung lehrt, dass hierin allzeit die edelsten Metalle und, überhaupt auch bei geringen Metallen, die besten und reichsten Erze einbrechen, wovon ohne Zweifel die Ursache ist, dass diese zwei Gangarten die feinste zu dem Wesen der Metalle gehörige glasartige Erde in sich haben. Das taube Hangend- und Liegendgestein nennt man die Gesteinsart des Gebirges, die Gebirgs- oder Bergart.

40. §

Aus dem Vorhergehenden wird man bereits einsehen, dass man sich nicht einbilden müsse,   dass edle Gänge durch und durch mit reinen Erzen erfüllt wären. Es bricht in einem Gange manchmal eine gute Strecke hindurch reines Erz ein. Noch öfter aber ist das Erz mit tauben Gangarten vermischt, wie solche im vorigen Paragraphen beschrieben worden sind.

Öfter aber gehen die Erze ganz und gar aus und der Gang besteht eine große Strecke hindurch bloß aus diesen tauben Gangarten. Folglich besteht jeder edle Gang und jede Kluft teils aus Erzmitteln und teils aus tauben Mitteln. Man findet aber auch besonders in mächtigen Gängen nicht allein taube Mittel, die aus Ganggestein bestehen, sondern auch taube in die Gangart eingemischte Keile und Felsenstücke, welche von derjenigen Gesteinsart sind, woraus Hangend- und Liegendgestein besteht. Diese tauben Keile sind ohne Zweifel losgerissene Stücke des Hangend- und Liegenden, welche zu der Zeit, da die Risse noch nicht angefüllt waren, sich loslösten und in dieselben hinuntergefallen sind. Bei der Anfüllung der Risse mit de r erzmachenden Materie wurden sie sodann darin eingewickelt oder damit umflossen und machten bei der Austrocknung zusammen eine Masse aus.

41. §

Wenn nun die Erzmittel sowohl dem Streichen als auch dem Verflachen des Ganges nach mit den tauben Mitteln öfter abwechseln, so sagt man: Der Erzgang sei absätzig oder das Erz liege in kurzen Mitteln. Einige Gänge hingegen sind in ihrem Adel beständiger und die Erze dauern eine lange Strecke fort und in eine große Tiefe. Diese nennt man also beständige Erzgänge.

Anmerkung: Einige haben die Meinung geäußert, dass flachfallende Gänge nicht so edel und in den Erzen beständig wären wie stehende Gänge, sondern dass die Erze dort in kurzen Mitteln lägen. Diese Erfahrung mag vielleicht von einem einzigen Gebirge hergenommen sein, denn als eine allgemeine Erfahrung ist sie gänzlich falsch und man hat sowohl flache als auch stehende Gänge, die in ihren Anbrüchen edel und beständig sind. Gleichwie findet man im Gegenteil stehende und flache Gänge, wo die Erze in kurzen Mitteln liegen. Die angebliche Ursache, dass die erzmachende Materie auf der schiefen Fläche mehr Widerstand gefunden habe, ist eine Idee ohne Grund. Die offenen Ritze wurden von unten herauf mit der aus dem Hangend und Liegend heraussinternden Erzmaterie nach und nach bis obenhin angefüllt.  Dieses geschah in seigeren und flachen Ritzen auf gleiche Weise, ohne dass ein Widerstand existieren konnte. Ich muss hierbei überhaupt erinnern, dass man sich wohl hüten muss, aus einer einzigen Erfahrung von einem Gang- oder Erzgebirge allgemeine Regeln zu machen, weil man oft in anderen Ländern und anderen Erzgebirgen gerade das Gegenteil findet. Noch mehr aber muss man sich hüten, spekulative Ideen zu erdichten und nach selben die Arbeit der Natur einzuschränken, sondern man muss hier eine vielfältige Erfahrung zugrunde legen und alsdann erst darüber urteilen, wie etwa die Natur gearbeitet haben könnte.

42. §

Zuweilen brechen auch die Erze in einem Gange nur putzen-, mugel-, nester- und nierenweise ein, welches so viel heißt, dass der größte Teil des Ganges aus einer tauben Gangart bestehe und in solcher nur hin und wieder etwas Erz gefunden werde. Die obigen Benennungen richten sich nach der Größe der Erzmasse, wenn nämlich diese schon etwas groß gefunden wird, man solche einen Putzen Erz nennt. Wenn dieselben aber klein und zerstreut gefunden werden, sie nur Erznester oder Nieren heißen, welches sich am einfachsten in einer weichen, lettigen (lehmigen) Gangart zuträgt, in welcher die Erze hin und her als Kugeln oder Nieren zerstreut liegen. Ist das Erz in einem Gange rein und ohne beigemischte Gangart, so nennt man solches gediegen oder derb. Wenn es stark mit der Gangart vermischt ist, so wird es eingesprengt genannt. Man muss aber hier einen Unterschied unter gediegenem Erz und unter gediegenem Metall machen und nicht eines mit dem anderen vermengen. Denn da Gold, Silber und Kupfer öfter rein, unvererzt und in metallischer Gestalt in Gängen und Klüften gefunden werden, so sagt man alsdann, dass daselbst gediegenes Metall breche.

43. §

Viele Gänge haben die Eigenschaft, dass wenn sie zwischen Hangend und Liegend breiter werden, sie auch ihren Adel verlieren.  Die Erze gehen entweder gar aus und der Gang besteht nur aus der tauben Gangart oder, was meistens geschieht, sie werden doch ärmer im Metallgehalt. Wenn sie, solange der Gang schmal war, derb und rein einbrachen, so werden sie hier nur eingesprengt angetroffen. Wo sich aber der Gang wieder enger zusammenschließt und schmäler wird, da nimmt auch allgemein der Reichtum des Metallgehalts wieder zu. Doch geschieht es auch zuweilen, dass ein Gang einen sogenannten Bauch macht. Dann er wird in einer gewissen kurzen Distanz auf einmal merklich breiter und ein solcher Bauch ist zuweilen mit d em besten Erze angefüllt.

Anmerkung: Diese Beschaffenheit der Gänge wird sich daher leicht erklären lassen. Bei Anfüllung der leeren Risse blieben die schweren merkurialischen und brennbaren Teile mit einem Teil der glasartigen Erde in den schmalen Zwischenräumen zurück, die leichteren glasartigen Teile aber wurden weiter fortgetragen und in größerer Menge in die größeren Weitungen der Risse zusammengeschwemmt. Daher mussten in der engen Weitung des Risses reichere und gediegenere, in dem weiten Raum hingegen arme und eingesprengte Erze oder gar nur leere Gangarten entstehen. Im zweiten Fall hingegen bei einem sogenannten Bauch, welcher niemals gar lang und groß ist, kann man solchen als ein zufälliges Reservoir ansehen, wo sich viel metallischer Grundstoff in gehöriger Proportion zusammengehäuft und folglich einen großen Klumpen Erz dargestellt hat. Man wird daher auch in Betracht des ersten Falles die Ursache einsehen, warum Stockwerke selten aus derben, sondern meistenteils aus eingesprengten Erzen bestehen, die noch dazu oft mit tauben Mitteln vermischt sind. In einem so großen Raum, der ein Stockwerk ist, musste der Zufluss der glasartigen, steinmachenden Materie, welche in jedem Gebirge gewiss in unendlich größerer Menge vorhanden ist als der übrige Stoff der Metalle, weit größer sein als der letztere. Da nun also die Proportion hierdurch sehr ungleich und von der glasartigen Materie gegen die andere sehr überwiegend war, so konnten auch in einem solchen großen Raum oder in einem Stockwerk am allerwenigsten derbe, sondern nur eingesprengte Erze und viele taube, aus der glasartigen Erde bestehende Mittel entstehen.

44. §

Fast bei allen Gängen hat man gewisse Kennzeichen, woraus man wahrscheinlich schließen kann, dass man bald auf Erz kommen wird, denn die tauben Mittel des Ganges, wenn solche durchbrochen werden, verändern in ihrer Gesteins- oder Gangart meistens die Gestalt oder Farbe, je näher man zu den Erzen kommt. Dieses aber muss durch bloße Erfahrung erlernt werden, weil fast ein jeder Gang sich hierin anders verhält. Im Gegenteil hat man auch Kennzeichen, dass das Erz sich wieder verlieren und der Gang taub werden wird. Auf solche Kennzeichen muss ein Bergmann sehr wohl achtgeben, weil sie in dem Bergbau zu einem guten Leitfaden dienen. Ich will zur Erläuterung einige Beispiele anführen. Hier in Schemnitz bestehen die tauben Mittel auf den Spithaler und Piberstollner Haup tgängen meistens aus einem zähen Letten (Lehm). Man darf sich, solange dieser Letten dauert, keine Hoffnung auf Erzanbrüche machen. Wenn aber derselbe ausbleibt und stattdessen spatige und quarzige Gangarten zum Vorschein kommen, so sind auch meistens edle Erzmittel nicht weit davon. Auf vielen siebenbürgischen Goldgängen ist der Gang unedel, solange der Quarz sehr weiß, locker, hell, und gleichsam wässerig aussieht. Sobald derselbe aber anfängt in eine gräuliche oder bräunliche Farbe zu fallen und dicht und drusig zu werden, so fängt auch das sichtliche Gold an, in dasselbe einzubrechen. Zu Joachimsthal in Böhmen kommt meistenteils der Kobold (Kobalt) vor den Erzen voraus und zeigt deren nahe Gegenwart an. Auf einigen oberhungarischen Kupfergängen, wo die Erze in Spat mit Glimmer vermischt brechen, werden die übrigen Gangarten allgemein taub befunden. In den banatischen Gebirgen werden die Erzmittel meis tens von einem Eisenbrand begleitet. Wenn dagegen auf einigen dortigen Gängen sich neben dem Erz am Hangenden oder Liegenden ein blauer Letten anlegt, so ist es ein unfehlbares Zeichen, dass man die Erze verlieren werde. Denn dieser Letten wird endlich so mächtig, dass er sich vom Hangend bis zum Liegend ausbreitet und die Erze gänzlich abschneidet. Auf diese Art ist oft aus der Gestalt und Farbe des Quarzes, des Spates, der Drusen und Flüsse und anderer Bergarten wahrzunehmen, ob man in kurzem Erze bekommen oder verlieren werde.

45. §

Zwei Gänge, die eine große Strecke miteinander fortstreichen, nähern sich zuweilen einander und kommen endlich in einem spitzen Winkel so nahe zusammen, dass sie sich völlig miteinander vereinbaren oder scharen. Sie bleiben sodann entweder beisammen und machen im weiteren Gebirge nur einen Gang aus oder sie teilen sich wieder und jeder setzt sein besonderes Streichen fort. Öfter aber, wo diese Zusammenscharung geschieht, wird der Gang edler oder auch mächtiger. Kommen mehrere Gänge auf diese Art zusammen, so pflegt man zu sagen, dass sich die Gänge daselbst rammeln. Gleiches geschieht mit denen dem Gang zuscharenden Hangend- und Liegendklüften. Denn es zeigt die bergmännische Erfahrung, dass ein Gang da, wo ihm dergleichen Klüfte zuscharen, sich zu veredeln pflegt, und dieses geschi eht um so mehr, wenn die zuscharenden Klüfte selbst edel an Erzen sind. Umso weniger geschieht es hingegen, wenn faule Klüfte dem Gang zusetzen, als welche von zuvor gesagter Regel eine starke Ausnahme machen und den Gang dagegen auch wohl verunedlen. Man findet sogar einige Gänge, welche bloß daselbst, wo ihnen Hangend- und Liegendklüfte zuscharen, einen Erzputzen machen und edel sind. Solange sie aber allein streichen, sind sie unedel, wie solches zu Joachimsthal in Böhmen und in einigen sächsischen Bergwerken geschieht. Wenn man aber sagt, dass alle Gänge solange unedel sind, wie sie allein streichen und nur bei Zuscharung der Klüfte und Geschicke edel werden, wie einige Schriftsteller     behauptet haben wollen, so geben sie dadurch zu erkennen, dass ihre bergmännische Erfahrung sich nur auf ein einziges Erzgebirge erstreckt hat und dass si e die Natur in anderen Ländern nicht haben wirken sehen. Es gibt viele Hundert Gänge, welche edel sind, ungeachtet dessen, dass ihnen weder Klüfte noch Geschicke zufallen. Besonders geschieht dieses fast bei allen Gängen, welche zwischen zweierlei verschiedenem Gestein streichen und ein anderes zu ihrem Hangend, ein anderes zu ihrem Liegend haben, auch in diesem Fall sehr selten dem Gang Hangend- oder Liegendklüfte zuscharen.

Anmerkung: Wenn man sich vorstellt, dass einem Gang durch andere zuscharende Gänge oder Klüfte in dem Punkt der Zusammenscharung mehr erzmachende Materie zugeflossen ist, so wird man die Ursachen der Veredlung leicht einsehen können. Ebenso leicht wird man urteilen können, warum in diesem Fall faule Klüfte den Gang verunedlen. Diese faule Gangart ist eine heterogene und der Erzmachung schädliche Materie gewesen, welche aus einem Teil des Gebirges herausgesintert und dem Gang zugeflossen ist, folglich die Erzmachung daselbst verhindert hat.